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Beziehungskonto

Das Denkmodell des Beziehungskontos wird mitunter gerade von solchen Menschen kritisiert, die durch berechnendes Denken und Handeln im Hinblick auf ein egoistisches Ziel in Erscheinung getreten sind.
Besonders ein unreflektiertes Herauslassen von Gefühlen wirkt sich auf das zwischenmenschliche Zusammenleben ungünstig aus. Oder unachtsamer Umgang mit Freunden. Die Anzahl und das Gewicht schwer überbrückbarer Gegensätze wächst dadurch zusätzlich. Jeder lastet der Gegenseite Verfehlungen an. Es entsteht ein negatives Beziehungskonto. Das Gegenüber erlebt unüberlegtes Verhalten oder unbedachte Äußerungen als Geringschätzung – ebenso wie Desinteresse. Aus derartigen Verletzungen heraus entstehen schädliche Rechtfertigungen und Aggressionen.
Schnell entwickelt sich so eine verhängnisvolle Spirale. Beziehungen bekommen einen Knacks. Sogar Freundschaften gehen zu Bruch – ohne Aussicht auf Wiederannäherung. Eine harte Entscheidung, nach fortgesetzten Enttäuschungen, kann hier nützlich sein. Wenn man immer wieder ärgerliche Situationen erlebt und sich um Harmonie in selbstkritischer Weise bemüht hat, wirkt das rigorose Beenden einer Beziehung sehr befreiend.Allerdings wird in der Bibel dem Vergeben ein hoher Stellenwert eingeräumt. Man tut sich auch selbst viel Gutes, wenn man mit anderen nicht zu streng ins Gericht geht, muss man doch auch selbst bei sich Defizite anerkennen.
Das Gleichnis Jesu vom "Balken im eigenen Auge" kann hilfreich sein (Matthäus 7, 3).Konsequenz daraus kann nur sein: Achtsamkeit im Reden und Handeln. Bevor man Nähe zulässt, gilt es, durchaus kritisch zu sein! Folgendes Beispiel mag dies illustrieren:A und B besuchen an einem Gymnasium die gleiche Klasse.
A bewohnt eine Villa mit großem Garten am Rand einer Großstadt. B haust mit seiner Mutter in einer winzigen Sozialwohnung. Das Vermögen der Großeltern des B ist durch Kriegswirren bei Verwandten gelandet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Vater des B mit seiner kriegsbedingten Lungenkrankheit im Sanatorium von der Gesellschaft entfernt lebt und auf den Tod wartet.Man hatte damals Angst vor Ausbreitung der TBC. Ein Junge wie B war bestrebt, dass niemand etwas von der Krankheit seines Vaters erfährt. So kapselte er sich von den andern ab. Kameraden zu sich einzuladen war unmöglich. Er wurde zum Einzelgänger. Der reiche A ist der Star der Klasse. Alle wollen an seinen rauschenden Festen und den Sportveranstaltungen in dessen Garten teilnehmen. Natürlich bildet sich eine kleine Gruppe von Privilegierten. B ist als unsportliche „Oma“ und armer Schlucker davon weit entfernt.
Ein Jahr vor dem Abitur sitzen A und B ausnahmsweise einmal nebeneinander auf der Schulbank in der letzten Reihe. A muss stehend einen lateinischen Text übersetzen. Es geht darum, die aktuelle Note zu verbessern. In seinem Buch hat er ein kleines Blatt mit dem deutschen Text des Livius. Der Pauker staunt über die Lateinkenntnisse, schöpft aber Verdacht, überbrückt trotz seines hohen Alters überraschend schnell die Entfernung zum Prüfling und schlägt diesem das Buch aus der Hand. Wie ein Blatt im Herbst flattert der Spickzettel langsam zu Boden. Der Lehrer verliert seine Fassung und prügelt mit Fäusten auf den Sünder ein. Dieser lässt sich fallen und kriecht unter die Schulbank. Dort wird er mit Fußtritten traktiert, bis der Pauker sich langsam beruhigt hat. Der Fall wird damals nicht weiter behandelt. Die blauen Flecken verheilen.Über Verstorbene soll man nur Gutes äußern ("de mortuis nil nisi bene"). Es wird hier auch kein Name genannt. A und B kommen sich näher.
Später besuchen sie gemeinsam eine Tanzschule. Um sich nicht zu blamieren, üben beide gemeinsam Schritte in der Villa des A. So kann B auch gelegentlich den Garten beim Sport erleben. Wenn es um Liebeskummer geht, tauscht man Erfahrungen aus. Man versichert sich gegenseitig, derartige Themen nie mit anderen besprechen zu können. Der arme B steigt gleichsam sozial auf. Als dieser in einer olympischen Sportdisziplin zum Kreis der Nationalmannschaft stößt und bei Deutschen Meisterschaften erfolgreich ist, hört er von den früheren Schulkameraden: „Das kann ja wohl kein richtiger Sport sein, wenn der da so mitmischt.“

A verlässt als Student die Region. Aber man hält losen Kontakt zueinander. B fährt einmal mit A und anderen ehemaligen Schulkameraden ins Gebirge. Die beiden geraten in einen Verkehrsstau. Zu zweit kommen sie spät abends mit der Seilbahn auf einen Berggipfel. Es wird neblig und dunkel und die Ski-Abfahrt gerät zum Trauma. Nach heftigem und unvergesslichem Überlebenskampf erreicht man im Tal das Auto des A.
Die Kameraden haben es auf Baumklötze gehievt. Wieder ein gemeinsamer Kraftakt, der Nähe erzeugt. Dann kommt da noch der bekannte Kabarettist Dieter Hildebrandt vorbei und unterhält sich mit den beiden Studenten sehr nett. Auch dies unvergesslich!
Man entdeckt auch die gemeinsame Leidenschaft für Opern. Manche Stunde erlebt man so zusammen, als A wieder in seine Heimat zurückgekehrt ist. Eine gefeierte Sopranistin soll dann zum letzten Mal in dem Haus singen, in dem ihr besonders die Männer „zu Füßen lagen“. A zu B: „Das müssen wir erleben.
B hat am nächsten Tag um 8 Uhr eine mündliche Diplomprüfung. Als einziger von über 250 Kandidaten tritt er mit der Note „1“ an. Volkswirtschaftslehre ist sein Lieblingsfach. Nur ungern lässt er sich überreden – ein übertriebenes Opfer für die Freundschaft und dessen Konto. Aber aus heutiger Sicht Ausdruck einer damals maßlosen Selbstüberschätzung. Da er im Chor singt und mit dem Operndirektor befreundet ist, bekommt B mit seinem Freund unentgeltlich Zutritt zur Loge über dem Orchestergraben. Er soll die Vorstellung des Troubadour auf Tonband aufzeichnen. Es dauert lange bis man nach unzähligen „Vorhängen“ das Opernhaus verlässt. Beiläufig: Die gefeierte Operndiva stirbt bald darauf mit nur 42.
Vom Abend berauscht vergisst B seine Prüfung. Gemeinsam hören sie im Auto die ganze Oper nochmals von Band an.
Der junge Prüfer am anderen Morgen stand seinem namhaften Kollegen, der die schriftlichen Examina veranstaltet hatte, skeptisch gegenüber. Dem übermüdeten B führte er seine Defizite vor Augen und kommentierte: „Das hatte ich erwartet“. Nebenbei: Der Prüfer wurde später Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank. Bei einer Begegnung unter Kollegen muss B dem damaligen Professor ein Kompliment für seinen Scharfsinn machen und für wertvolle Impulse danken.

Trotz der kleinen Panne war auch dieses Erlebnis etwas Positives für das Beziehungskonto.
Statt einer angestrebten Laufbahn in Volkswirtschaftslehre beendete B noch ein Zweitstudium in Pädagogik. Danach ging er ins Ausland – zunächst als Lehrer an einer Deutschen Schule.

Ein Haus, das B gebaut hatte, verkaufte er. Ein Handwerker glaubte noch eine Forderung gegen B zu haben. Er legte Klage ein. B stellte den Sachverhalt in einem knappen Brief dar und sandte diesen seinem Weggefährten A. Dieser war inzwischen als Anwalt tätig und lies seine Sekretärin den Text wortgetreu abtippen. Der Fall war sofort ohne Weiteres erledigt.
Und dann kam es: A schickte B eine Rechnung über 285 DM, die bezahlt wurde.
Der Betrag war damals in diesem Land ein halbes Monatseinkommen des Lehrers! Ein Liter Dieselkraftstoff kostete zwölf Pfennige – 0,12 DM.

Dies ist lange her und das Beweisstück Rechnung ist längst vergilbt aber gut aufbewahrt. Doch die Erinnerung wirkt noch heute als entscheidende Lastschrift auf dem Beziehungskonto.
Anders ausgedrückt: B will von A nichts mehr hören.
Die beiden begegneten sich immer wieder mal. B erwähnte die belastende Angelegenheit. A meinte: „Dumm gelaufen. Aber das werde ich aus der Welt schaffen. Und zwar so, dass es erledigt ist“. Nur eine Absichterklärung!
Die beiden A und B wohnen seit vielen Jahren nah beieinander. A ist es, der regelmäßig Klassentreffen veranstaltet. Dann bekommt B eine Einladung, auf die er nicht reagiert.
Einer der reichen Schulfreunde erzählte vor Jahren bei einer Zufallsbegegnung dem B von den regelmäßigen Festen in ihren Häusern und Gärten und fügte hinzu: „Demnächst gibt es mal wieder ein Klassentreffen. Dazu laden wir Dich dann auch ein.“ Dies erinnerte B an seine Schulzeit und er wusste, dass er da nie hingehen wird – obwohl „vergeben und vergessen“ in seinen Büchern ein wichtiges Thema ist.


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